Aus dem Sanella-Album Australien Neuseeland

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Es sind schlanke, muskulöse Männer mit hellbrauner Haut und glattem, schwarzem Haar. Als der Ältere, dessen Kinn kunstvoll tätowiert ist, hört, daß Klaus aus Deutschland kommt, hellt sich sein Gesicht auf. Er faßt ihn an den Schultern und reibt andächtig seine Nase an Klaus' Nase. Klaus ist etwas verlegen und weiß nicht recht, was er tun soll. Aber Freddy sagt lachend: "Keine Angst! Unser Freund will dir nicht die Nase abbeißen, sondern dich nur besonders herzlich begrüßen. Das Aneinanderreiben der Nasen ist der alte Maorigruß. Anscheinend hast du einen Stein im Brett bei ihm, denn ein Europäer wird nur ganz selten so begrüßt!" Die Eingeborenen kannten-bevor sie mit den Weißen in Berührung kamen - keine Schrift. Die wichtigen Ereignisse, die Märchen, Sagen und Lieder wurden mündlich von Generation zu Generation weitergegeben. Aus dieser mündlichen Überlieferung der Maoris wissen wir heute, daß sie vor etwa 600 Jahren von den Inseln des Stillen Ozeans, wahrscheinlich von Tonga, nach Neuseeland kamen.

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Der Urgroßvater oder der Großvater unseres Maori kannte einen deutschen Missionar, der den alten Menschenfresser zum Christentum bekehrte. Ob der Missionar seinem Opa auch die rauhen Tischsitten abgewöhnte, davon weiß unser Freund nichts. Aber immerhin hat er ihn durch die Überlieferung in guter Erinnerung behalten. Bevor die beiden Maoris uns verlassen, laden sie uns ein, morgen ihr Dorf, ihren "Pah", zu besuchen. Er liegt nicht weit von hier bei Whakarewarewa am Rotorua=See. - Klaus muß natürlich wieder für uns alle seine Nase zur Verfügung stellen. Mitten in der Nacht werden wir von einem lauten Zischen wach. Freddy schaut aus dem Zelt. "Der Geiser springt wieder", stellt er fest und - nach einem Blick auf die Uhr -: "Anscheinend stößt er alle acht Stunden Wasser aus." Nach einer knappen halben Stunde hört der Spuk wieder auf, und wir schlafen beruhigt weiter.

Im Lager der Maoris

Nach einer guten Stunde Fahrt kommen wir morgens am Eingang des Maori=Pah an, einem hohen, schmalen, kunstvoll geschnitzten Torbogen. Die Gesichter der Holzfiguren, die das Tor tragen, zeigen ähnliche Tätowierungen, wie der alte Maori von gestern abend. "Das ist nicht verwunderlich", sagt Freddy. "Tätowierungen galten bei den alten Maoris als der vornehmste Schmuck. Die Tätowierung war sozusagen die Visitenkarte eines Maori. Da sind bestimmte Linien, die nur die Angehörigen eines Stammes trugen; andere zeigen, aus welcher Familie der Mann kam, und wieder andere waren den Häuptlingen vorbehalten. Die Maoris müssen allerhand ertragen, bis sie schließlich alle Striche und Zeichnungen im Gesicht und auf dem Körper haben, die Sitte und Rang verlangen.

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